Körpergedächtnis und tiergestützte Intervention – Wie Tiere Heilung ermöglichen für neurodivergente und traumatisierte Menschen

Der Körper erinnert sich – auch ohne Worte
Nicht alles, was wir erleben, lässt sich sprachlich ausdrücken – doch der Körper vergisst nichts. Viele neurodivergente Menschen (z. B. mit ADHS oder Autismus Spektrum) und Menschen mit traumatischen Erfahrungen erleben ihren Körper als ein System, das ständig auf Empfang ist: reizoffen, angespannt, überfordert oder abgespalten. Oft zeigen sich unbewusste Reaktionen, die sich nicht über den Verstand, aber über den Körper verstehen lassen.
Hier setzt die Idee des Körpergedächtnisses an – und eröffnet gemeinsam mit der tiergestützten Intervention neue Wege der Begleitung, Heilung und Regulation.
Was ist das Körpergedächtnis?
Das Körpergedächtnis beschreibt die Fähigkeit des Körpers, Erfahrungen – insbesondere emotional bedeutsame – implizit zu speichern. Diese Erinnerungen sind nicht bewusst abrufbar, wirken aber weiter: durch Körperspannung, Atemmuster, Stressreaktionen oder das Vermeiden bestimmter Situationen.
In der Traumaforschung spricht man davon, dass der Körper selbst zum Archiv wird. Bessel van der Kolk schreibt in seinem Standardwerk The Body Keeps the Score (2014): „Der Körper trägt das Gedächtnis des Erlebten.“ Besonders bei frühkindlichem oder komplexem Trauma sind diese somatischen Erinnerungen tief verankert – und entziehen sich kognitiver Aufarbeitung.
Tiergestützte Intervention – ein Zugang jenseits der Sprache
In der tiergestützten Intervention – ob mit Pferden, Hunden, Schafen oder anderen Tieren – geht es nicht nur um Nähe oder Berührung. Vielmehr ermöglichen Tiere nonverbale, körpernahe Erfahrungen, die genau dort ansetzen, wo Worte fehlen oder nicht reichen.
Warum Tiere so wirksam sind:
Sie begegnen dem Menschen vorurteilsfrei und im Hier-und-Jetzt.
Sie lesen Körpersprache intuitiv – und reagieren authentisch.
Sie helfen, den eigenen Körper wieder zu spüren – über Kontakt, Bewegung, Rhythmus.
Sie unterstützen die Regulation des Nervensystems – etwa durch gleichmäßige Bewegung (z. B. beim Reiten) oder beruhigende Körpernähe.
Die Schnaubkorrespondenz – Körpergedächtnis bei Tieren ernst nehmen
Ein beeindruckender Ansatz stammt vom Lichtblickhof in Wien: Dort entwickelte Roswitha Zink mit ihrem Team die Methode der Schnaubkorrespondenz – ein körperorientiertes Kommunikationssystem für Pferde.
Das Schnauben – ein natürliches Verhalten bei Entspannung – wird dabei gezielt gefördert. Die Pferde lernen, über bewusst eingesetztes Schnauben Zustimmung, Unbehagen oder Kommunikationsbereitschaft zu zeigen. Studien des Lichtblickhofs zeigen:
Pferde, die Schnaubkorrespondenz anwenden, zeigen weniger Stressverhalten,
sind selbstwirksamer in der Interaktion,
und profitieren körperlich – etwa durch tiefere Atmung und verbesserte Regulation.
Was das mit dem Menschen zu tun hat:
Indem das Tier sichtbar in Beziehung tritt, entsteht ein echtes Gegenüber. Besonders für Klient:innen mit Trauma oder neurodivergenter Wahrnehmung kann das erlebbar machen:
Ich bin nicht allein. Das Tier reagiert – auf mich, im Moment.
So entsteht ein feiner, körperlich spürbarer Resonanzraum – auch wenn die Methode ursprünglich dem Wohlbefinden des Pferdes dient.
Neurodivergenz und Trauma – wenn der Körper mitarbeitet
ADHS: Regulation statt Reizüberflutung
Menschen mit ADHS erleben ihren Körper oft als getrieben, impulsiv und schwer steuerbar. Tiere geben direkte, körpernahe Rückmeldung und fördern Selbstwahrnehmung und Impulskontrolle – ohne Bewertung, aber mit Klarheit.
Autismus Spektrum: Beziehung ohne soziale Überforderung
Für viele neurodivergente Menschen sind soziale Situationen mit Unsicherheiten und Reizüberflutung verbunden. Tiere ermöglichen Beziehung ohne soziale Codes. Nähe kann auf körperlicher Ebene entstehen – durch Berührung, Präsenz, wiederholbare Rituale.
Trauma: Sicherheit im eigenen Körper wiederfinden
Trauma speichert sich im Körper – als Spannung, Unruhe oder Abspaltung. Tiergestützte Angebote schaffen körperlich spürbare Sicherheit. Tiere agieren im Hier-und-Jetzt und helfen, neue Erfahrungen von Kontrolle, Berührung und Verbundenheit zu ermöglichen.
Fazit: Heilung durch Beziehung, Körper und tierische Präsenz
Die Auseinandersetzung mit dem Körpergedächtnis zeigt: Heilung passiert nicht allein über Worte – sondern über den Körper. Über neue Erfahrungen von Sicherheit, Verbindung und Beziehung.
Tiergestützte Interventionen eröffnen Räume, in denen das Nervensystem sich neu ausrichten kann – durch Berührung, Präsenz, Rhythmus und Co-Regulation. Sie machen Beziehung körperlich erlebbar, besonders für Menschen, die aufgrund von Neurodivergenz oder Trauma anders in Kontakt treten.
Ansätze wie die Schnaubkorrespondenz verdeutlichen dabei, wie wichtig es ist, auch den Tieren echte Kommunikation zu ermöglichen. Wenn das Tier sich zeigen darf, entsteht keine Einbahnstraße – sondern Beziehung auf Augenhöhe, spürbar, authentisch und heilsam für beide Seiten.